Schottland 1999

Reisetagebuch unserer Schottland-Reise vom 23.04.1999 bis zum 07.05.1999


Flagge


    In diesem Jahr erfüllten wir uns einen langgehegten Traum: eine Schottlandreise, bei der wir unter anderem unbedingt "NESSIE" - das legendäre Monster aus Loch Ness - besuchen wollten. Also beschlossen wir, dort ein Boot zu chartern und damit den Caledonian Canal zu befahren.

      Die Wasserstrasse quer durch das schottische Hochland verbindet die Nordsee mit dem Atlantik. Was heutzutage eine interessante Bootsfahrt ermöglicht, war einst als Mammutunternehmen mit militärischer Zielsetzung geplant. Der Caledonian Canal sollte der britischen Flotte die weite und gefährliche Route um die Nordspitze Schottlands ersparen. Der Kanal ist zwar insgesamt ca. 100 km lang, es mussten jedoch lediglich 35 Kilometer gegraben werden. Die restliche Strecke sind natürliche Wasserwege, bestehend aus Loch Dochfour, Loch Ness, Loch Oich und Loch Lochy. Als im Jahr 1822 nach fast zwanzigjähriger Bauzeit der Kanal eröffnet wurde, bestand dafür ironischerweise kein Bedarf mehr: Die Napoleonischen Kriege waren zu Ende, und der Holzhandel mit dem Baltikum hatte an Bedeutung verloren. Außerdem wurden im 19. Jahrhundert die Segelboote von Dampfschiffen abgelöst, für die der Kanal, insbesondere die Schleusen, viel zu klein waren. Heute steht der Caledonian Canal unter Denkmalschutz und ist hauptsächlich von touristischer Bedeutung, lediglich einige kleinere Frachter (mit maximal 500 t) und Fischkutter sowie Segelschiffe nutzen die Abkürzung zwischen Nordsee und Atlantik.

    Im Gegensatz zu Irland gab es in Schottland nur wenige Unternehmen, die Charterboote vermieten, und auch nur eine handvoll Vermittlungsagenturen. Eine kurze Anfrage - 6 Wochen vor dem geplanten Urlaubsbeginn - zu Buchungskonditionen (Preis, Verfügbarkeit, Flug etc.) führte zunächst einmal zu einem völligen Chaos. Der laut Katalog günstigste Anbieter hatte auf einmal wesentlich höhere Preise als im Prospekt, sowohl für den Flug als auch für das Boot. Auf entsprechende Rückfrage wurden dann per E-Mail die Preise zunächst reduziert, per Fax darauf wieder geändert, sodass dann letztlich bei der Buchungsbestätigung die Gesamtkosten noch höher waren als bei dem ursprünglichen E-Mail-Angebot. Nach unserer schriftlichen Reklamation wurde dann - kommentarlos - lediglich eine kurze Storno-Mitteilung per Fax übersandt. Unser Eindruck: Die Herrschaften waren offensichtlich beleidigt! Andere Anbieter hatten uns mit ihren relativ hohen Preisen von vorne herein abgeschreckt. Die geforderte Bootsmiete plus Flugkosten für 2 1/2 Personen zuzüglich Verpflegungskosten etc. gab unser Urlaubs-Budget einfach nicht her. Glücklicherweise gab es doch noch einen Vermittler für Hausboot-Reisen Hausboot Böckl. Die Antwort auf unsere Anfrage kam zwar recht spät, aber nach dem Hick-Hack mit dem ersten Anbieter noch rechtzeitig. Der Gesamtpreis war ca. 1.000 DM günstiger als die der nicht akzeptable Konkurrenz, und die Beratung und Bearbeitung kompetent und zügig. Lediglich die Zusendung der Flugtickets erfolgte auf den letzten Drücker: 2 Tage vor der Abreise!



    1. Tag: Freitag, den 23. April 1999

    Frühmorgens um 5.15 Uhr war die Nacht für uns zu Ende und die Urlaubsreise konnte beginnen. Nach einer kurzen S-Bahnfahrt flogen wir mit British Airways von Frankfurt über London-Gatwick nach Inverness, der Hauptstadt der schottischen Highlands. Vom 13 km entfernten Flughafen brachte uns ein netter Taxifahrer zu unserem Bootsvermieter Caley Cruisers, einem Familienunternehmen, das schon seit 1970 Motoryachten auf dem Caledonian Canal vermietet. Es erwartete uns ein freundlicher Empfang ohne große Formalitäten, keiner verlangte irgendwelche Papiere, Pass, Reise- bzw. Buchungsbestätigung. Wenige Minuten nach unserer Ankunft konnten wir unser Boot "Loch Leven" übernehmen und unsere Reisetaschen an Bord verstauen. Als alte "Bootshasen" wussten wir, dass Koffer für eine Bootstour wegen des begrenzten Stauraumes absolut unpraktikabel sind.

    Marina Marina

    Unser nicht mehr ganz neues, aber sehr gut gepflegtes Boot gehörte zur Iona-Class, war ca. 9 m lang und etwa 3,30 m breit. Die Koje in der Bugkabine war ausreichend für uns beide Erwachsene sowie unseren 3-jährigen Junior. Im Steuerstand hatten wir noch zwei weitere Liegemöglichkeiten, die wir während unseres zweiwöchigen Urlaubs häufig für unsere Mittagsschläfchen verwendet haben. Der Salon diente uns außerdem als windgeschützter und sonniger "Wintergarten mit Terrasse", und wurde im Laufe der Reise von unserem Sohn zum sogenannten "Spielzimmer" erklärt. Das Hausboot verfügte über eine komplette Küche mit allen erforderlichen Küchenutensilien, Gasherd, Warmwasserversorgung, Toilette und Dusche. Decken, Kissen und Handtücher waren mehr als ausreichend vorhanden. Auf dem Dach des Steuerstandes war ein Schlauchboot vertaut, welches wir allerdings nie genutzt hatten, denn wir erwarteten ansonsten ein "Mann-(bzw. Kind)-über-Bord-Manöver" mit unserem Nachwuchs. Der Trick mit dem Boot auf dem Dach war wesentlich praktischer als die uns bisher aus Irland bekannte Version, ein Dinghi an einem Seil hinterherzuziehen, das dann beim Rückwärtsfahren dauernd im Weg ist. Weshalb wir das Beiboot dort auch immer in der Marina zurückgelassen hatten.

    Grundriss

    Kurz nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, brachte uns die Junior-Chefin Audrey mit dem Auto zum nächstgelegenen Supermarkt, damit wir unsere Vorräte für die Fahrt anlegen konnten. Zurück am Hafen bekam Arne seine spezielle Kinderschwimmweste, und sogleich erfolgte eine Einweisung in Technik und Handhabung unseres Charterbootes. Kurz darauf zog ein Konvoi von 5 Kabinenkreuzern gemeinsam los, um die ersten Meilen, eine Drehbrücke sowie eine Schleuse zu meistern. Wir mussten bei der Einweisung einen kompetenten Eindruck hinterlassen haben, denn im Gegensatz zu den anderen Charterboot-Kapitänen fuhr bei uns kein Personal zur Unterstützung mit. Das war auch nicht nötig, denn wir kamen mit dem Boot auf Anhieb sehr gut zurecht.

    Iona-Class Iona-Class

    Die Handhabung des Bootes war insgesamt unproblematisch und hatte lediglich eine Besonderheit: die Antriebsschraube lag noch hinter dem Heck des Bootes, ähnlich einem Außenborder, sodass der Kabinenkreuzer extrem handlich und wendig war. Im Gegensatz zu den Motoryachten, die wir in früherer Zeit gechartert hatten, war auch das Rückwärtsfahren relativ problemlos, allerdings ließ der Geradeauslauf durch den nur wenige Zentimeter betragenden Tiefgang, insbesondere bei Wind, etwas zu wünschen übrig, d.h. es waren ständig kleinere Richtungskorrekturen erforderlich. Letztlich aber auch keine große Sache.

    Iona-Class Iona-Class

    Nachdem wir an der Dochgarroch Lock durchgeschleust hatten, beschlossen wir, nicht mehr zur Marina zurückzufahren, sondern hier anzulegen und die erste Nacht bereits im Kanal zu verbringen. Die Schleuse am Beginn des Loch Dochfour war sehr schön gelegen und auch hübsch gestaltet. Unter anderem gab es einen Nachbau der Schleusenanlage aus Legosteinen mit Spielzeugfahrzeugen etc. Der bei der Einweisung eingeschlafene Bootsmann Arne war zwischenzeitlich auch wieder erwacht und wir machten einen kleinen Spaziergang.

    Arne Arne